Kanton Zug - Montag, 21.05.2012


Do, 09.12.2010

Zwangsheirat: differenziert statt eingeschränkt

Die Problemlage der Zwangsheirat bei muslimischen Frauen im Kanton Zug soll erörtert werden. Dies fordert die Interpellation der Kantonsräte Thomas Brändle und Thomas Lötscher.

Kanton Zug
(Foto: zvg)

Die Interpellanten berufen sich dabei auf die deutsche Diskussion und übertragen diese undifferenziert auf Zug. Doch in der Schweiz sind verschiedene migrantische Gruppen von diesem Phänomen betroffen. Als demokratischer Rechtsstaat steht die Schweiz in der Pflicht, den Menschen, die von Zwangsheiraten betroffen oder bedroht sind, Schutz zu gewähren. Doch wird der Komplexität des Phänomens in der Interpellation nicht genügend Rechnung getragen. Die einseitige Verschränkung der Problematik mit dem Islam liefert nicht nur beschränkte, sondern vor allem kontraproduktive Lösungsansätze.

Neben Musliminnen sind in der Schweiz Personen aus unterschiedlichen Religiösen und ethnischen Gemeinschaften betroffen. Man weiss z.B. von vielen tamilischen Hindus, Roma sowie assyrischen, armenischen oder serbischen Betroffenen christlichen Glaubens. Religion kann zwar indirekt zu einer Zwangsverheiratung beitragen, indem die Religion fragwürdige Traditionen zementiert. Oder indem Religion und bestimmte kulturelle Praktiken in einer wechselseitigen Abhängigkeit stehen. Das zeigt sich etwa beim hinduistischen Kastensystem oder daran, dass eine muslimische Frau keinen Nichtmuslim heiraten soll. Sie wirkt jedoch nicht als direkte Ursache. In der islamischen Hadith-Sammlung wird überliefert, dass der Prophet Mohammed die Ehe einer Frau, die bei ihm betreffend ihre Zwangsheirat Rat suchte, nur durch ihre freie Entscheidung für gültig erklärte. Der Islam lehnt damit als einzige Weltreligion die Zwangsheirat auf Quellen basierend ausdrücklich ab. Ausschlaggebender als Religion sind patriarchalische und traditionalistische Strukturen. Auch Erfahrungen von Diskriminierung durch die Mehrheitsgesellschaft können entscheidend sein. Sie lösen verstärktes Abgrenzungsbedürfnis aus und können auf der Suche nach Halt den Rückgriff auf längst überkommene Traditionen zur Folge haben. Dabei sind keineswegs nur Frauen die Opfer. Nicht selten werden auch Männer unter hohem sozialem Druck zur Eheschliessung gezwungen.

Zwangsheiraten verletzen universelles Menschenrecht und müssen verhindert werden. Das Programm zwangsheirat.ch informiert und berät seit zehn Jahren differenziert zur Zwangsheirat in der Schweiz. Auch für die Betroffenen im Kanton Zug müssen Angebote der Beratung, Betreuung und Begleitung bereit gestellt werden. Allerdings ist dies nicht auf muslimische Personen zu verengen. Vielmehr ist der differenzierten Realität von Zwangsheirat in der Schweiz Rechnung zu tragen.

(zio.ch / Barbara Gysel)


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