Leserbriefe - Donnerstag, 24.04.2014

Verpasste Chance

Absender:
David Jandl, Zug
am: Do, 01.04.2010
Als Befürworter der im Mai 2009 verabschiedeten Leitsätze zur städtischen Kulturpolitik, passionierter Kulturkonsument und Kunstschaffender liegt mir viel an einer pulsierenden lokalen Kulturlandschaft. Wo bleibt aber deren verhätnismässige Umsetzung? Das städtischen Kulturangebot soll frei entwickelt und in verschiedensten Formen und Facetten präsentiert werden können, da sind wir uns einig. Das Angebot muss aber auch in einer nachfrageorientierten Weise geleitet und organisiert werden. Und genau hier wurde eine grosse Chance verpasst. Die Künstler-, Kunst- und Kulturkaste lebt ja geradezu von der Interaktion mit dem Betrachter, der Gesellschaft und deren Wirtschaft. Ich erlebe seit vielen Jahren die Überlegungen beider Seiten. Die beiden Pole ziehen einander in der Regel nämlich indirekt oder sogar direkt an. Beide Seiten haben dabei Rechte und Pflichten, die zur Funkionalität der hier angesprochenen Wechselbeziehung beitragen. Solange sich diese Gleichung einigermassen in der Balance befindet, ist eine aktive Kulturpolitik gar nicht von nöten. Negiert jedoch eine Seite ihre Pflichten und reinterpretiert seine eigenen Rechte zu Ungunsten (oder auf Kosten) des Anderen, nimmt die Sache einen unvorteilhaften Lauf. Die Politik ist dann gefordert und sollte sich um ein richtiges Zeichen bemühen. Dieses ist ausgeblieben. Spätestens seit dem Wahlkampf um die Galvanik und die erlebte irrationelle Darstellung der Fakten seitens des Pro Komittees und dem Entscheid FÜR eine neue Galvanik durch den Souverän braucht es eine Korrektur. Diese hätte bereits vor dem Bau der bereits existierenden Chollerhalle einsetzen müssen. Wir sind nicht Zürich. Man züchtet mit viel Geld, welches an anderen Orten für eine nachhaltigere Kulturstrategie fehlt, ein Angebot ohne Nachfrage empor. Die Zuger Kulturlandschaft braucht aber durchdachtere Projekte. Eingriffe im angesprochenen Ausmass sind rückwärtsgewannt. In der neuen Galvanik wird garantiert nichts Neues entstehen, sondern Altes aufgewärmt. Die Eingangs erwähnten Leitsätze werden so nicht sachgerecht umgesetzt. Wo bleibt die Umsetzung der Vision? So entsteht ein Ungleichgewicht, welches zu korrigieren ist.

Ein knapper Monat ist seit der Sprechung des millionen-schweren Galvanik Kredits ins Land gezogen, gegen welchen sich knapp 40% der Zuger an der Urne ausgesprochen haben. Jetzt stelle ich bewusst basierend auf den Geschehnissen der letzten Tagen, eine provokative Frage: Welchen Ausgang hätte die Galvanik Abstimmung wohl genommen, wäre die Schieflage, der unmittelbar angrenzenden Chollerhalle, 20 Tage früher publik gemacht worden? Ich weiss nicht wie es Ihnen geht? Ich glaube die Höhe und die Art der Kreditvergabe wäre abgeschmettert worden. Ich finde mich ehrlich gesagt als Wähler an der Nase herumgeführt. 2 Tatsachen sollten uns zum jetzigen Zeitpunkt alarmieren: Die NEUE Chollerhalle versucht seit Jahren krampfhaft an ein “bestimmtes” älteres Publikum heranzukommen, während die Galvanik verzweifelt seit Jahren mit einem jungen Publikum versucht ein NEUES “würdiges” zu Hause zu finden (dieses wird notabene ziemlich sicher in Bälde an die alte Galvanik erinnern). Man muss darob, sollte man denken, kein Genie sein, um hier die perfekte Lösung vor sich liegen zu sehen.

Das eigentliche Problem besteht nämlich darin, dass die Chollerhalle ein Publikumssegment anspricht, welches es vorzieht zu Hause zubleiben. Das Betriebsergebnis legt dies deutlich dar und deckt sich mit meinen jahrelangen Beobachtungen, welche ich als Konsument (notabene von beiden Betrieben) machen durfte. Ob das zu Hause gebliebene Zuger Publikum prinzipiell zu konservativ ist oder einfach lieber in die Glotze schaut spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Dem Ü30er lässt sich trotzallem nämlich kein derartiges Programm, wie es in den vergangen Jahren präsentiert wurde, aufdrängen. Ich bin jetzt böse und behaupte dass neben einigen exotischen Konzerten (welche jeweils von ca. 14) nur das Eröffnungsprojekt GOLEM 2000 zu überzeugen wusste, sprich auf die Halle inklusive Budget zugeschnitten war. 2-3 Blockbuster mit ausverkaufter Halle und diverse Fasnachtsbälle waren lediglich ein Tropfen auf dem heissem Stein der Betriebsrechnung. Die Chollerhalle war und ist in ihrer heutigen Ausrichtung ein zum verderben verurteiltes Prestigeprojekt. Lässt man dem Kommerz anstelle der Kultur Einlass, wird man sich zum jetzigen Zeipunkt endgültig der Lächerlichkeit preisgeben, da dies der falsche Ansatz ist. Es gild doch kulturpolitisch positive Akzente zu sezten bei denen die öffentliche Hand nicht ausgenutzt wird.

Die Lösung wäre ein logischer Kompromiss gewesen, welcher beiden Zielgruppen der Galvanik und der Chollerhalle ein gemeinsames Zuhause unter einem Konstrukt gegeben hätte. Die Infrastruktur der Chollerhalle hätte der Galvanik genügend physische Optionen zur behutsamen Integration gegeben. Das Programm wäre um die Anlässe der Galvanik erweitert und unter einer separaten Brand oder Label weitergeführt worden. Das neue Konzept hätt Jung und Alt Platz an fixen Abenden Platz geboten. Basierend auf dem Prinzip der bestmöglichen Auslastung stünden vielleicht Freitag und Samstag Abende eher einem aufgeschlossenerem, jungen Publikum und Mittwoch und Donnerstag Abende einem eher älteren, abgeklärterem Publikum zur Verfügung. Auf diese Weise stiege die Auslastung und die Einnahmen, viele Millionen an Subventionen würden gespart. Autoausstellungen oder andere kommerzielle Veranstaltungen wären dann nur zu Randzeiten durchführbar gewesen und die Identiät eines solchen Kulturhauses wäre nicht verwässert worden. Ein solches Kulturhaus hätte dann langfristig und mit kleineren Beiträgen unterstützt werden können. Das alles bleibt jetzt jedoch reine Utopie.

Man baut den Jungen nämlich ein niegelnagelneues Jugendhaus, damit diese nicht den Abendclub für Erwachsene beinträchtigen. Man nimmt in Kauf, dass die Chollerhalle abgesehen von ihrer Hülle vorallem durch ihre Leere glänzt. Diese abstruse Strategie des physisch geteilten Publikums die wohl auf dem Grundsatz “Aus den Augen aus dem Sinn” basiert hat surreale Züge angenommen. Bei teilweise gleichen Betriebszeiten mussten zum Schutz des Abendclubs und seienr Anwohner Eiseneinzäunungen aufgestellt werden, welche visuell eher an Belfast und Klassenkampf erinnert haben, als an ein Fest verschiedener Gesellschaftsschichten. Hier erhält die fehlgeleitete Umsetzung der Kulturleitsätze ein narbiges Gesicht. Es erhält einen temporär wirkenden Charakter – von Nachhaltigkeit und Planung nichts zu spüren. Dieses von der Politischen Mitte zusammen mit den Immerlinken und Alternativen gepushte Projekt wird zur Folge haben, dass sich a.) diejenige Sub-Kultur des Types Galvanik ohne äussere Einflüsse weiter radikalisieren wird und b.) sich die Älteren nicht mit den Lastern und Wünschen der Jungen abgeben müssen, um so einmal im Jahr ohne Randale ein Orgelkonzert mit der Schwiegermutter besuchen zu können. Ich weiss nicht wie es Ihnen ergangen ist in der Jugend. Ich wollte als 18 Jähriger immer dorthin, wo ich durch Leute mit mehr Erfahrung Neues erleben konnte.

Wegschauen und subventionieren geht in diesem Falle aber leider seinen Weg. Es ist eben viel bequemer hohe Gelder aus dem Gemeinschaftstopf zu sprechen, als durchdachtere Umverteilungen forzunehmen. Hauptsache es kann zügig entwickelt und gebaut werden, selbst da wo es strukturell keinen Sinn macht, und bestehende Einrichtungen und Trägerschaften lediglich neu strukturiert werden müssten. Mehr noch, man gibt Versprechen ab über 25-jährige Bürgschaften und dergleichen, welche sich gewaschen haben:

Wer stellt mir einen 25- Subventions-Freipass aus für den von mir geführten Eishockeyclub, durch den ich vielen jungen Zugern den Eishockeysport ermögliche? Ist das nicht eine sinnvolle Frohnarbeit welche zu subventionieren ist? Wir arbeiten mit Jungen und bilden Sie zu Teamspielern aus. Gemeinschaftswerte rücken in den Vordergrund, der Einzelne lernt über den Umweg Disziplin die Vorzüge umsichtig zu sein. Wahrlich wichtige Werte für Auszubildende. Ist nicht Sport und die damit verwobene Gesundheitsförderung ferner ein Eckstein unserer Kultur? Wir strecken die Hand nicht aus und betteln. Unser Vorstand muss niemandem ausser seinen Mitgliedern Rechenschaft ablegen. Wir sind niemandem etwas Schuldig. Mit Budgetdisziplin erreichen wir Erstaunliches, weil unser Produkt der aktuellen Nachrage entspricht. Diese Einstellung vermisse ich bei den von mir kritisierten IG Kultur Trägerschaften. Das soll es immer gleich Väterchen Staat zahlen.

Fehlte den beiden IG Trägerschaften und den städtischen Kulturstrategen vor der Galvanik Abstimmung lediglich der Wille, sich mit dem Gedanken anzufreunden, Materielles zu teilen und fusionierbares verschmelzen zulassen, geht man nun lieber wieder betteln. Heute versperren einer intelligenten Lösung mehr als 4 Mio Franken den Weg und es steht uns der nächste Sanierungsfall ins Haus. Vielleicht fragt sich der Eine oder Andere unterdessen, ob die Zuger Kulturpolitik grundsätzlich das Fass ohne Boden zu verantworten hat. Der feine Abschluss des Einen Geschäftes, gefolgt von der medienwirskam inszenierten Eröffnung des nächsten Sanierungsfalles, riecht nach gar viel chronolgischem Zufall. Zusammen mit den sogenannten Interessengemeinschaften (IGs), in denen prominente Zuger offensichtlich u.a. des Prestiges wegen einsitzen (obwohl Sie ja in Zürich Karriere machen), werden auch in diesem Fall mit grösster Wahrscheinlichkeit alle politischen Parteien, ausser wie schon bei der Galvanik Abstimmung der SVP, alsbald höhere Betriebsbeitragszusicherungen unserer öffentlichen Hand sprechen. Ohne diese wird es nämlich NICHT gehen, wird uns Wählern bereits jetzt durch die Aufgeschreckten vorsuggeriert, um die tatsächliche Faktenlage unter den Teppich zukehren. Wieviele Millionen sollen es denn jetzt bitteschön sein? Und wird Herr Dolfi Müller auch bei der Rettung der Chollerhalle stolz die Sicherung des Betriebes für die nächsten 25 Jahre verkünden können? Wieso soll man die jährlichen Betriebsbeiträge schon im voraus garantieren? So ein Politik muss entschieden bekämpft werden. Dies darf man im Gegensatz vorab als Versprechen auffassen.

Die Trägerschaft der Chollerhalle stiehlt sich mittlerweile elegant und unisono aus der Verantwortung, und opfert mit der Freistellung des Programmleiters das übliche Bauernopfer für eine um 2 Nummern zu gross geratene Kulturpolitik der jüngsten Vergangenheit, welche man direkt mitverantwortet. Wer nun einen offenen Diskurs über die frappanten Unterlassungen der Kontrollzugstandigkeit durch die Trägerschaft erwartet, sieht sich enttäuscht oder allenfalls in der Sache bestätigt. Auf dem Buckel der Steuerzahler wird munter weitergewurstelt.





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