| Mo, 18.12.2006 |
Kampf gegen Depression und Suizid
Suizid ist auch im Kanton Zug ein Thema. Jährlich nehmen sich fast zwei Dutzend Zugerinnen und Zuger freiwillig das Leben. Die Gesundheitsdirektion ist darum bemüht, aktive Suizidprävention zu betreiben.
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Die neue und alte Lorzentobelbrücke wurden in einer Studie als «suicide hotspot» deklariert |
Im Kanton Zug liegt die jährliche Suizidrate unter dem schweizerischen Mittel. Trotzdem haben sich in den letzten 15 Jahren durchschnittlich 19 Personen pro Jahr das Leben genommen. Im vergangenen Jahr 2005 waren es 22 Menschen, wie Sandor Horvath, Sprecher der Zuger Polizei, bestätigte.
Der Sprung von einer Brücke ist eine der häufigsten Suizidmethoden in unserem Land. Mediale Aufmerksamkeit erhalten hier leider auch immer wieder die beiden Zuger Lorzentobelbrücken – sechs Personen haben sich im vergangenen Jahr dort zu Tode gestürzt. Die Brücke wurde denn auch von der nationalen Studie «Suizidprävention bei Brücken», welche zwischen Juni 2004 und Juni 2005 erarbeitet wurde, als sogenannter «suicide hotspot» deklariert. «Ein Ort mit hoher Prävalenz von Suiziden durch Brückensprünge also», so Dr. med. Thomas Reisch, ehemaliger Oberarzt der Universitären Psychiatrischen Dienste Bern, neu bei der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern tätig und einer der Autoren der Studie.
Massnahmen an den Lorzentobelbrücken – trotzdem weiterer Todesfall
Der Zuger Regierungsrat beschloss aufgrund dieser Erkenntnis die Einsetzung einer «Arbeitsgruppe Suizidprävention» unter der Leitung von Hanspeter Walti (Chefarzt der Ambulanten Psychiatrischen Dienste der Gesundheitsdirektion des Kantons Zug). Auch Thomas Reisch nahm im Gremium Einsitz, und ebenso der Berner Suizidforscher Prof. Dr. Konrad Michel. Einer der Entscheide der Fachgruppe war die Empfehlung für bauliche Massnahmen an der alten und neuen Lorzentobelbrücke.
Der Regierungsrat handelte entsprechend: die gewünschten und notwendigen Schutzwände wurden im Oktober angebracht – und lösten heftige Kontroversen aus. Bemängelt wurde, warum man sich nur an die vorgeschriebene Minimalhöhe von 1,80 Meter hielt, und warum die Verbindung Plexiglaswand und Betonelement nicht komplett sprossenlos sei. «Bei der Höhe haben wir uns an die Erfahrungswerte aus der Suizidstudie von Dr. Reisch gehalten», kommentierte Hanspeter Walti den Ausführungsauftrag, welchen die Arbeitsgruppe an die Baudirektion gab. Eine Nachbesserung des nicht sprossenlosen Übergangs stellte er in Aussicht. Tragisch war, dass sich im Verlaufe dieser Diskussionen ein weiterer Todesfall ereignete: ein Mann suizidierte sich mit einem Sprung von der alten Lorzentobelbrücke. Um die Schutzwände zu überwinden, hatte er eine Leiter verwendet.
Nie hundertprozentige Garantie
Damit wird jedoch klar, dass selbst höhere Schutzwände keine hundertprozentige Garantie geben können. Dies bestätigt auch Thomas Reisch: «Unsere Studie hat gezeigt, dass es selbst bei 2,50 Meter Höhe noch vereinzelt Suizide geben würde. Doch die Häufigkeit wird klar reduziert.» Interessant ist nämlich, dass nur wenige Leute sich zum Beispiel von einem Haus stürzen, weil sie nicht mehr von einer Brücke springen können. Oder, wie Reisch es ausdrückt: «Es gibt nur einen kleinen Transfer.» Als Beispiel nennt der Suizidforscher die Münsterplattform in Bern, wo 1998 Netze angebracht wurden, die konstruktionsbedingt jedoch die Seiten freilassen und faktisch die Möglichkeit zum Sprung nicht vollkommen verhindern. «In den ersten fünf Jahren nach der Installation wurden dennoch keine Suizide beobachtet, und die Sprünge von der Kirchenfeldbrücke hatten sich in den ersten Jahren halbiert», so Reisch. Insgesamt kann festgehalten werden, dass Sicherungsmassnahmen Menschenleben retten und Traumatisierungen anderer verhindern können.
Suizidprävention beginnt bei der Psyche
Doch solche Massnahmen sind nur ein Teil der Suizidprävention. Wie eine Studie des Bundesamtes für Gesundheit belegt, leiden 90 Prozent aller Menschen, die Suizid begehen, an einer Depression oder einer anderen diagnostizierbaren psychischen Störung oder Suchterkrankung. In psychiatrischen Autopsiestudien konnte retrospektiv bei 40 bis 50 Prozent aller Suizide für den Zeitpunkt des Suizids eine ausgeprägte depressive Verstimmung bei den Verstorbenen nachgewiesen werden.
Psychische Krankheiten sind der wichtigste Risikofaktor für einen Suizid. Und Depressionen, Psychosen, Stresserkrankungen, Angststörungen oder Suchterkrankungen nehmen gemäss der BAG-Studie in unserem Land zu. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert psychische Gesundheit als ein dynamisches Gleichgewicht des Wohlbefindens. Doch gerade dieses Gleichgewicht zwischen biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren geht immer mehr verloren. Mangelndes Selbstwertgefühl, Verlust des Arbeitsplatzes, Scheidung der Eltern, ein Todesfall in der Familie, der Trennungsschmerz einer zu Ende gegangenen Beziehung, der zunehmende Leistungsdruck in der Gesellschaft, fehlende soziale Integration – viele individuelle Faktoren, die mit der Lebensgeschichte verbunden sind, können Menschen aus dem Gleichgewicht bringen und die psychische Gesundheit negativ beeinflussen, ja sogar zu psychischen Krankheiten führen.
Doch Depressionen oder andere psychische Störungen werden oft nicht diagnostiziert und Risikopersonen ungenügend behandelt. Suizidabsichten kommen in der ärztlichen Praxis nur selten zur Sprache, und Suizidalität wird nach wie vor nicht erkannt – dies belegt auch die SMASH-Studie 2002, welche Gesundheit und Lebensstil 16- bis 20-Jähriger in der Schweiz untersuchte. Erschwerend kommt der Mangel an Wissen und Information in der Bevölkerung zu Themen wie psychische Gesundheit, psychische Störungen und Suizidalität hinzu. «Die psychischen Krankheiten werden hierzulande oft mit einem Tabu belegt. Schnell ist man überdies mit Vorurteilen zur Stelle», glaubt auch der Zuger Gesundheitsdirektor Joachim Eder.
Fünf Prozent der Zuger Bevölkerung in psychologischer Behandlung
Gemäss den Zuger Daten aus der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2002 bezeichnet sich jeder sechste Zuger und jede fünfte Zugerin als psychisch nicht ausgeglichen. Sie geben zum Beispiel an, ihr Leben nicht so ganz unter Kontrolle zu haben oder sich zumindest zeitweise einsam zu fühlen. Fünf Prozent der Zuger Bevölkerung waren in den letzten 12 Monaten vor der Befragung bei einer Psychologin oder einem Psychologen, und rund drei Prozent der Zuger Bevölkerung waren in den letzten 12 Monaten vor der Befragung wegen eines Nervenzusammenbruchs oder einer Depression in ärztlicher Behandlung. Ein Problem nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für deren Angehörige, die Arbeitgeber oder die sozialen Versicherungssysteme.
Erfolgreiches Zuger Bündnis gegen Depression
Die Zahlen sind alarmierend. Dennoch hat die Schweiz bislang – trotz der Forderung von WHO und den Vereinten Nationen (UN) – kein nationales Suizidpräventionsprogramm erarbeitet. Das Angebot beschränkt sich auf einige regionale Zentren. Der Kanton Zug hat deshalb schon 2004 beschlossen, zu handeln. Mit dem Zuger Bündnis gegen Depression wurde ein zweijähriges Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Gesundheit, der Zuger Ärzteschaft und der Selbsthilfeorganisation Equilibrium – Verein zur Bewältigung von Depressionen lanciert. «Es wird immer wichtiger, sich öffentlich mit den psychischen Störungen und Krankheiten grundlegend auseinanderzusetzen, verstehen zu lernen, was es heisst, wenn sich jemand in einem Wechselbad der Gefühle befindet», begründet Regierungsrat Eder das Engagement der Zuger Gesundheitsdirektion.
Der Schwerpunkt des Zuger Projekts lag in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Vernetzung der Leistungserbringer aus Gesundheits-,
Bildungs- und Sozialwesen sowie von Polizei und Landeskirchen. «Fortschritte von Medizin und Psychologie allein können keine Senkung der Suizidrate erreichen. Suizidverhütung ist ein Thema der öffentlichen Gesundheit und deren Prävention und somit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe», ist Eder überzeugt.
Die Kampagne selbst vermittelte drei Kernbotschaften: Depression kann jede und jeden treffen; Depression hat viele Gesichter; Depression ist behandelbar. Zielgruppenspezifische Veranstaltungen wurden etwa für Jugendliche, für Seniorinnen und Senioren oder für die Polizei im Rahmen ihrer internen Weiterbildung durchgeführt.
Das Zuger Bündnis fand schweizweit Beachtung. Mit dem Berner Bündnis gegen Depression lief im Jahr 2005 ein zweites kantonales Bündnisprojekt an, in verschiedenen anderen Kantonen wurden wichtige Vorabklärungen getroffen. Eine positive Bilanz des Zuger Bündnisses zieht auch Joachim Eder: «Das Projekt hat massgeblich zu einer Erhöhung der gesellschaftlichen Akzeptanz von psychischen Krankheiten beigetragen. Es wurde auch die Hemmschwelle herabgesetzt, sich mit dieser Krankheit zu beschäftigen. Dadurch ist sowohl der Weg von Betroffenen zu fachlicher Hilfe erleichtert wie auch die Hilfsbereitschaft im sozialen Umfeld gefördert worden. Auch das breite Angebot an Selbsthilfegruppen, das von der Frauenzentrale Zug im Auftrag des Kantons koordiniert wird, hat sicher seinen Teil zur Entstigmatisierung psychischer Krankheiten beigetragen.»
Umfangreiches Konzept für 2007–2012
Die Anliegen des Zuger Bündnisses gegen Depression bleiben auf der Agenda der Gesundheitsdirektion. Denn in den Schwerpunkten 2005–2015 des Regierungsrates des Kantons Zug heisst es im Kapitel Gesundheitsförderung und Prävention: Der Kanton betreibt eine innovative, ganzheitliche und qualitätssichernde Gesundheitspolitik. Er agiert als Impulsgeber bei der Gesundheitsförderung und bei der Prävention.
Aufgrund des Berichts der Arbeitsgruppe Suizidprävention erhielt die Gesundheitsdirektion vom Regierungsrat den Auftrag, die generellen Massnahmen im Rahmen eines Gesamtkonzepts «Psychische Gesundheit» weiter zu bearbeiten, ausgehend vom bereits bestehenden «Zuger Bündnis gegen Depression». Das entsprechende Massnahmenpaket 2007–2012 liegt nun vor – es ist erneut eine schweizerische Pionierleistung! In Gesellschaft und Fachwelt soll die Sensibilität bezüglich der psychischen Gesundheit weiter erhöht werden. «Zudem wollen wir die Früherkennung und die Frühintervention bei psychischen Krankheiten verbessern sowie die soziale, schulische und berufliche Integration erhalten respektive dort, wo es nötig ist, ebenfalls verbessern», so Gesundheitsdirektor Eder.
Erreichen will man die Ziele des Konzepts mit regelmässiger Öffentlichkeitsarbeit, ausserdem werde das im Rahmen des Zuger Bündnisses gegen Depression aufgebaute Netzwerk von Fachleuten weiter gepflegt und ausgebaut, so Eder. Präventive Hausbesuche im Schwerpunktprogramm «Gesundheitsförderung im Alter» sollen nach Walchwil und Risch in weiteren Gemeinden verankert werden – auch zur Bekämpfung der Einsamkeit von alten Menschen. Im Betrieb soll das Thema Stress thematisiert werden, während in Zuger Schulen das Schul- und Klassenklima verbessert und damit auch die psychischen Belastungen von Lehrpersonen sowie von Schülerinnen und Schülern reduziert werden sollen.
Um die Früherkennung und Frühintervention bei psychischen Krankheiten zu verbessern, will man relevanten Berufsgruppen und Akteuren der Arbeitswelt (z.B. Medizin, Polizei, psychosoziale Beratung, soziale und schulische Dienste, Vorgesetzte, Personaldienste) gezielte Grundlagen von psychischen Krankheiten vermitteln. Ein weiterer Bestandteil bietet auch die Reintegration psychisch kranker Menschen in die Gesellschaft und in die Berufswelt. Dieses Angebot soll weiter optimiert werden – Arbeitgeber müssen motiviert werden, Arbeitsplätze auch für psychisch kranke Menschen zu schaffen. Schliesslich will man auch die Bedeutung der Selbsthilfe kontinuierlich kommunizieren und Initiativen zum Aufbau neuer Selbsthilfegruppen im Bereich der psychischen Krankheiten unterstützen.
Vielseitige und langfristige Aufgabe
Förderung der psychischen Gesundheit der Zuger Bevölkerung ist eine langfristige und aufwändige Aufgabe. Viele Akteure sind in diesem Feld tätig und erfüllen wichtige Aufgaben, insbesondere bei der Wiederherstellung der psychischen Gesundheit. Für Gesundheitsdirektor Eder ist klar: «Wenn wir damit Menschenleben retten und das Befinden der Zugerinnen und Zuger positiv beeinflussen können, lohnt sich der verstärkte Einsatz auf jeden Fall!»
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