| Mo, 01.03.2010 |
Grenzen suchen, Grenzen erfahren
„Generationengespräch“ heisst eine neue Veranstaltungsreihe der CityKircheZug. Einmal jährlich unterhalten sich Menschen unterschiedlichen Alters über ein Thema.
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Kanton Zug |
„Als Jugendlicher habe ich mich einmal ins Komma getrunken. Ich kannte keine Grenzen. Heute stosse ich an Schranken. Sie liegen vor allem in mir selbst“. So spricht Martin Iten aus Oberwil. Der 23-Jährige ist selbständiger Polygraf.
„Wenn ich eine werdende Mutter als Hebamme unterstütze, ist es oft während Stunden nicht möglich zu essen und zu trinken. Meine Rolle vereinnahmt mich ganz, Bedürfnisse treten völlig in den Hintergrund. Es ist ein Ausnahmezustand,aus dem ich erst zurückkehre, wenn das Kind da ist“. Die Vierzigerin Vroni Straub-Müller geht in ihrem Beruf an körperliche und seelische Grenzen. Letzere erfuhr sie, als sie – selber in Erwartung – einer Gebärenden in einer sehr schweren Geburt zu unterstützen. Auch die Vermittung von Trost und Zuspruch für Eltern, deren Kind tot geboren wurde oder kurz nach der Geburt gestorben ist, empfindet sie als Herausforderung. „In der Medizin ist vieles machbar geworden. Der Sinn für das Schicksalhaft ging dadurch verloren“.
Totaler Fokus
Die heute etwa 60-jährige Meta Antenen, einstige Hürdenläuferin und Weltklasse-Weitspringerin (noch heute hält sie den Schweizer Rekord) stand vor dem Wettkampf in einem Leichtathletik¬stadion. Die Kolleginnen und Kolleginnen sagten ihr: „Hörst du Meta, wie dich die Menschen zu Tausenden anfeuern?“ Meta Antenen hörte nichts. Auf ihre sportliche Leistung fokussiert, erlebte sie Totenstille – und das in einem bebenden Stadion! Ihre innere Realität war eine völlig andere als die äussere. Eine Grenzerfahrung, die sie in eine andere Sphäre entrückte.
Sepp Keiser ging noch in die Schule. Sein Vater starb mit 50 Jahren in einem Unfall. „Es fehlte jemand in der Familie, als ich eine Lehre wählen musste“. Er lehrte Mechaniker. 1939 arbeitete er in einem Metzgerei Geschäft und schloss die Lücke, die Krieg und Aktivdienst in das Familienunternehmen geschlagen hatte. Rückblickend sagt der 87-jährige Zuger: „Der Tod des Vaters war eine Grenz-erfahrung, die ich damals nicht als solche wahrnahm“. Später war er als Bauchef in einer Firma und zugleich am Fernsehen tätig, er widmete sich neben¬beruflich der Schauspielerei und dem Kabarett. Neulich trat er als „Testpilot für die Unsterblich-keit“ in Erscheinung. Das ist ein Kunstobjekt, das die Menschen im elektronischen Zeitalter nach ihrem Tod virtuell am Leben erhalten will – durch Daten und Fakten, die jederzeit weltweit abrufbar sind.
Liebe und Tod gaben auch Beispiele für Grenzerfahrung. Meta Antenen ist Sterbebegleiterin. Nach dem Ableben ist nur noch die Körperhülle. Was den verstorbenen Menschen ist noch da – aber auf einer anderen Frequenz. Der Jüngste der Runde vermutet im Tod eine Befreiung ähnlicher Dimension, wie die Geburt als Übergang von der Verbundenheit im Mutterleib zur Unabhängigkeit des Individuums gewährt. Dem Tod als Grenze sieht der Senior der Runde gelassen entgegen – unabhängig davon, ob es nach dem Tod ein Fortleben anderer Art geben wird oder nicht. Unkenntnis über diese Frage, die alle Menschen teilen, gibt für ihn kein Anlass zur Furcht.
Barbara Beck-Iselin war der Diskussion eine subtile Leiterin. Dies hatte den schönen Effekt, dass die Podiumsteilnehmenden ins direkte Gespräch miteinander fanden.
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